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Camilo Milton – Ein Schrei nach Bildern von Dr. Angela Weber


In seinen dichten und kraftvollen, zuweilen geheimnisvollen Bildern entwirft der Maler Milton Camilo einen dritten Ort und gestaltet diesen als Ort der Kindheit. Er vollzieht die malerisch komplexe Bewegung einer Rückwendung auf die eigenen Wurzeln und erschafft dabei jenen Ort, der zugleich offen und visionär auf die Zukunft gerichtet ist und an dem die Frage nach der eigenen Identität zwischen den Kulturen, Zeiten und Räumen stets neu verhandelt und hinterfragt werden muss. Dies geschieht in der Form einer offenen Frage, die einer eindeutigen Beantwortung entzogen bleibt. Im Vordergrund steht dabei nicht etwa der Verlust eines in sich geschlossenen Identitätsentwurfs. Im Gegenteil eröffnet jener Ort der Kindheit, den Camilo in seinen Bildern als Schwellenort inszeniert, die Möglichkeit, die Grenze zwischen seinen verschiedenen Heimaten neu auszuloten, zu verschieben und dabei die schwierige Frage nach der Zugehörigkeit in eine schöpferische Bewegung zu überführen. Die dargestellten Menschen, meist Kinder treten uns selbstbewusst gegenüber, fesseln unseren Blick und konfrontieren uns mit einer fremden Welt, aus der dunkel die Ahnung eines einst vertrauten, längst vergessenem Ortes aufblitzt, jenem für immer verlorenen und ersehnten Ort der Kindheit.


Die besondere Stärke von Camilos Bildern liegt also darin, dass es ihm gelingt, den Ort der Kindheit nicht als einen der Verklärung oder Melancholie zu gestalten, sondern als radikal offenen Ort, der die Vorstellung einer Heimat als einem Fixpunkt der eigenen Orientierung – auch der des Betrachters – konsequent in Zweifel zieht. Die damit einhergehende Erschütterung wirkt deshalb weniger verstörend, insofern sich diese in einer höchst schöpferischen Bewegung Bahn bricht, der wir die rätselhaften und poetischen Bilder des Malers Milton Camilo verdanken.


So entspringen die vielfältigen und auf faszinierende Weise immer wieder neuen Bildräume des Malers Camilo Milton eben keiner Bewegung des Suchens, sondern verdanken sich der Geste des Findens, sind von einer starken malerischen Kraft getragen, sind zugleich offen, direkt, rätselhaft, entfalten diese Räume eine besondere Poesie, die den Betrachter augenblicklich in Bann zieht und so schnell nicht mehr loslässt.


Malerisch vollbringt Camilo dabei das Kunststück, die verschiedenen Möglichkeiten der Darstellung in jedem Bild neu zu erproben und sich dennoch treu zu bleiben, getragen von einem unverkennbar eigenen Stil, einer ganz unverwechselbaren Handschrift, die ihn mit fast traumtänzerischer Sicherheit, das Abenteuer der Malerei auf die Leinwand bannen lässt. Das das Malen für Camilo ein Abenteuer darstellt ist in jedem seiner Bilder spürbar, die bei aller Freude am Experimentieren durch eine große Sicherheit in der kompositorischen und formalen Gestaltung des jeweiligen Bildthemas bestechen.


Die virtuos malerisch gestalteten Bildräume charakterisieren die in ihnen erscheinenden Personen, meist Kinder. Es handelt sich bei diesem Räumen weder um reine Kulissen, noch um nach außen projizierte Innenräume. Weder Realität noch Phantasie handelt es sich um autonome Orte, die der genuinen Gebärde des Malers entspringen und den dargestellten Personen große Präsenz verleihen. So thront der kleine nackte blonde Junge in dem Bild ‚…’ selbstbewusst auf einem Küchenstuhl vor einer surreal anmutenden Baumlandschaft, in der sich ein ganzer Schwarm eigenartig anmutender Vögel niedergelassen hat. Der Kleine wirkt weder verloren noch ängstlich, oder einsam. Im Gegenteil scheint der kleine Junge angekommen zu sein in seinem eigenen Traum. Im Bild wird diese Erfahrung als Grenz- und zugleich Glückserfahrung inszeniert, mehr noch realisiert.


Oder die Darstellung einer in den Raum ragenden Frau, deren perspektivisch verzerrter Körper keinen Halt zu finden scheint. Im spannungsvollen Aufeinandertreffen von Körper und Raum verschieben sich die Koordinaten unserer Orientierung. Die Bewegung des entgrenzten Körpers der Frau setzt sich im Raum (in spitz aufeinandertreffenden Linien) weiter fort. Sowohl die Ausmaße als auch das genaue Aussehen des Raumes entziehen sich dabei der Fassbarkeit des Betrachters. Spürbar wird lediglich die Körper-Raumekstase, jenes auf den Kopf stellen der äußeren Welt, dem der Maler Camilo in diesem Bild konkrete Gestalt verleiht.


Selbst dort, wo keine Person im Bild erscheint, gestaltet Camilo den Raum im Sinne eines anwesend Anwesenden. Besonders deutlich wird dies in der wunderbaren Darstellung des Kettenkarussells, das sich zu drehen scheint. Filigran durchziehen die Ketten den überwiegend dunklen Bildraum, strukturieren diesen dabei auf genial beiläufige Weise. Fast magisch wirken die Schmetterlinge, die aus dem Dunkel heraustreten, leicht um das sich drehende Karussell herumtanzen und der Szenerie Leben einzuhauchen scheinen.


Die malerische Geste bleibt bei Camilo immer währendes Abenteuer. Die Sicherheit scheint daher zu rühren, sich in gestalterischer Hinsicht unabhängig von Schulen oder Moden die Freiheit zu nehmen, die der Bildgegenstand erfordert und sich dennoch treu zu bleiben.


Die aber lässt sich sein malerischer Stil beschreiben? Weder abstrakt noch abbildend, scheinen sich Camilos Bilder einer solchen Einordnung völlig zu entziehen. Die Bildwelten wirken zugleich kraftvoll und entrückt. So kontrastiert der Farbauftrag in einem einzigen Bild zwischen pastos und behutsam modellierten Flächen und einem gestischen, entfesselt wirkenden Pinselstrich. Dabei streben die Bilder deutlich auf eine freie, expressive, zuweilen skizzenhafte Darstellung zu. Immer dominieren starke Kontraste und tragen wesentlich zum spannungsvollen Erscheinen der Bildwelten Camilos bei. Sowohl die stark kontrastierenden kraftvollen und leuchtenden Farben als auch die mutig ins Bild gesetzten Hell-Dunkel-Kontraste verleihen den Kompositionen einen ganz eigenen, unverwechselbaren Rhythmus. Die Bilder bestechen durch eine enorme innere Dynamik, die für den Betrachter körperlich erfahrbar wird. Dies und die durchgehend mutigen kompositorischen Einfälle machen jedes Bild zu einem Ereignis.


Die Stärke der Bilder des Malers Milton Camilo liegt darin, dass er sich keine Grenzen auferlegt. Diese Freiheit belohnt ihn mit vielen glücklichen Kunstgriffen, die nie beliebig, sondern durchgehend zwingend wirken. Milton variiert diese je nach den Erfordernissen der jeweiligen Komposition neu. Seinem Einfallsreichtum scheint dabei keine Grenze gesetzt. Kraft der Malerei gelangt etwas zum Ausdruck, das vom Betrachter erfahren und erspürt werden muss. Milton gelingt es überdies, die verschiedenen malerischen Gesten zu einem unverkennbar eigenen Stil zu verdichten. Ein weiteres Sujet – jenes Boot, voll mit Menschen - erinnert in fast brutaler Weise an die Darstellung von Flüchtlingsbooten, von denen uns die Medien in regelmäßigem Abstand schockierende Bilder in unsere Wohnzimmer liefern. Es ist damit Symbol einer unmenschlichen global operierenden Politik westlicher Nationalstaaten, die dem Flüchtling das Gastrecht verwehrt und ihn einem rechtsfreien Raum ausliefert, schutzlos, nackt, dem Tode geweiht. Zugleich erinnert das Boot an die Arche Noah und fungiert damit als überzeitliche Metapher für das Schicksal des Menschen, der ursprünglich heimatlos ist und dessen irdische Heimat ihm nur vorübergehend Asyl gewährt.


Camilos Bilder sind also durchaus politisch zu verstehen. Sie fordern einen neuen Blick, indem sie den Betrachter mit dem längst vergessenen, fernen und fremden Ort der eigenen Kindheit konfrontieren, an dem die Grenze zwischen Ich und Anderem, Innen- und Außenwelt, Vergangenheit und Zukunft ähnlich einem Traum fließend wird. Diese Durchlässigkeit konfrontiert den erwachsenen Betrachter mit der Erfahrung des Unbekannten, Ungewissen, das der festen Ordnung, in sich dieser eingerichtet hat, den Boden entzieht. Zumindest brechen Fragen auf, die längst beantwortet schienen und meist erst am Ende eines Lebens wiederkehren. Weniger Utopie ist Camilos Ort der Kindheit ein Ort der Schwelle, des Aufbruchs und der Ungewissheit, an dem sich Frage nach der eigenen Identität und Zukunft auch für den Betrachter in überraschend neuer Weise stellt. Die verschlungenen Pfade des eigenen Lebens treten mit einem Mal deutlich hervor und sensibilisieren den Betrachter für die unerhörten Zwischentöne, die ansonsten im täglichen Mainstream-Geplapper unterzugehen drohen. So treten die Orte der Kindheit und des Traums dem Betrachter in Camilos Bildern als unausgesprochenes Geheimnis seiner eigenen Existenz gegenüber.


Der sich in den Bildern Camilos öffnende andere Raum ermöglicht zugleich eine Nähe zum Anderen oder auch Fremden, dem wir in der Figur des Kindes gegenübertreten. Diese sich in den Bildern Camilos einstellende unheimliche Erfahrung der Nähe ist zugleich mit der Forderung nach einer anderen Ethik verknüpft, in der der Andere nicht mehr als Fremder, sondern als Mitmensch wahrgenommen wird.


Etwas entlädt sich, dass Kraft der Malerei ins Bild gebannt wird. Etwas, das zu benennen, schwierig ist, nicht im Sinne einer expressionistischen Ausdruckskunst. Dennoch sind die wohl kalkulierten Bildsettings durchzogen von einer Kraft, die nicht zuletzt aus der Malerei selbst resultiert, aus einer genuin malerischen Ausdrucksweise, die die Präsenz des Dargestellten steigert und sich gegen die Einverleibung durch den Blick des Betrachters sträubt. Dieser Rest hinterlässt einen blinden Fleck in der Wahrnehmung des Betrachters. Etwas blitzt auf, schiebt sich zwischen die Bilder, die ungezählt im multimedialen Megakosmos zirkulieren. Dieses kurze blitzartige Gewähren eines Einhalts, eines augenblicklichen Aufschubs, der Stille inmitten eines laut tosenden Wasserfalls gewährt das gemalte Bild. Hierbei handelt es sich keineswegs um einen Anachronismus. Eher um eine Erschütterung, die aus der Materialität des gemalten Bildes hervorgeht, der untilgbaren Spur der Hand des Malers.